Die Leseprobe aus
MARKTPLATZ FRANKEN
von Walter E. Keller

VOM MULTI-MEDIEN-MARKT ZUR IUK-BOOM-REGION
Nürnberg kann sich weder mit Buchverlagen von Weltgeltung schmücken, noch mit Zeitungen und Magazinen von nationaler Bedeutung, vielleicht einmal abgesehen vom „Kicker-Sportmagazin“, der Pflichtlektüre aller deutschen Fußballfans. Die Redaktion sitzt im Zeitungsviertel am Marienplatz. Dort im Verlag „Nürnberger Presse“ entstehen auch die „Nürnberger Nachrichten“ und die „Nürnberger Zeitung“. Die NN, wie sie von ihren Lesern kurz genannt wird, hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer der auflagenstärksten Regionalzeitungen Deutschlands entwickelt. Ihr linksliberaler Anspruch gereichte der bayerischen Mehrheitspartei nur selten zur Freude. Um dem Vorwurf eines fränkischen Medienmonopols zu entgehen, leistet man sich die eher konservative NZ im eigenen Pressehaus. Doch das Nürnberger Modell ging noch viel weiter: Im Zuge der Zeitungskonzentration der fünfziger und sechziger Jahre wurden die kleinen Heimatverlage draußen in der fränkischen Provinz nicht gleich ganz vereinnahmt, sondern lediglich mit Kooperationsverträgen an die große Mutter gebunden. Nur in den Randbereichen hin zur Oberpfalz und nach Oberfranken setzte man eigenen Außenredaktionen der Konkurrenz aus Regensburg oder Bayreuth entgegen. Jedenfalls haben heute knapp eine Million Leser zwischen Alfeld und Hollfeld, Rothenburg und Treuchtlingen zwar die Wahl zwischen zwei Mantelteilen unterschiedlicher politischer Einfärbung aus Nürnberg, aber nur einem Lokalteil. Und der ist ausgerichtet je nach politischer Couleur von Verlag und Redaktion vor Ort, kommt zumeist eher farblos daher.

Die auflagenstarke NN hat die Entwicklung zu einer modernen Tageszeitung aus der Region für die Region inzwischen preisgegeben; vielmehr werden im Bewußtsein der Nürnberger Zentralität seitenlang die Irrungen und Wirrungen der Nürnberger Stadtpolitik in der gesamten Auflage verkündet, obwohl das im fernen Südfranken niemanden interessiert. Und selbst die Sonderseiten über den unaufhaltsamen Abstieg des „Clubs“ stoßen in den Dörfern der Fränkischen Schweiz nicht auf ungeteilte Aufmerksamkeit aller Leser/innen. So ist der bodenständige fränkische Tageszeitungsmarkt eher blaß. Immerhin gibt es noch eine Nürnberger Ausgabe der Zeitung mit den vier großen Buchstaben im Titel und eine Nürnberger Abendzeitung in der Tradition des alten Acht-Uhr-Blatts, recht munter gemacht mit fast zuviel Niveau für eine Boulevardzeitung.

Bei allem Wohlwollen, die Tageszeitungen sind es nicht, die Nürnbergs Ruf als heimliche Medienhauptstadt Deutschlands begründen. Doch ganz Deutschland kauft Zeitschriften, die aus Nürnberg kommen. Nur meist weiß man es nicht, denn wegen des Impressums werden die 50 Millionen Exemplare, die monatlich auf Nürnberger Rotationen gedruckt werden, nicht gelesen. Immerhin 40 Publikumszeitschriften und Fachmagazine erscheinen allein im Nürnberger Sebaldusverlag. Zur Titelliste gehören unter anderem „Gong“, „Bild + Funk“, „die 2“, „die aktuelle“, „Guter Rat“, „PC Games“, „Ein Herz für Tiere“ und „Partner Hund“. Bis in das Jahr 1658 reicht die Geschichte der heutigen U. E. Sebald Druck und Verlag GmbH zurück: In der „Felseneckerschen Druckerei“ kamen Bücher, Kalender und die erste Zeitung Nürnbergs heraus. Heute operiert die Sebaldusgruppe weltweit, aber ihr Herz schlägt in Nürnberg. Nicht nur die „Wirtschaftswoche“ und der „Kicker“ laufen aus ihren Tiefdruckrotationen mit insgesamt 58 Druckwerken. Auch Teile des Quelle-Katalogs und des Otto-Katalogs werden hier hergestellt.

Der gesamte europäische Versandhandel zählt zu den Kunden der maul + co Chr. Belser GmbH, einer Bertelsmann-Schickedanz-Tochter. Draußen auf dem riesigen Areal in Nürnberg-Langwasser hat sich ein Medienkonzern um den Druck herum entwickelt mit Studios und Verlagen. 1200 Mitarbeiter erwirtschaften rund 1 Milliarde Mark Umsatz im Jahr. Dazu werden im größten Druckhaus Europas 1200 Tonnen Papier pro Tag verarbeitet.

Großfirmen wie die beiden genannten, zudem das zur NN-Gruppe gehörige Druckhaus Nürnberg und 150 mittelständische Unternehmen der Verlags- und Druckbranche machen die Region zum führenden Printmarkt Deutschlands noch vor Hamburg, München und Frankfurt. Doch mit seiner exponierten Rolle in der uralten Medientechnologie des Bedruckens von Papier gibt sich Nürnberg nicht zufrieden. Die Präsenz von Film, Funk und Fernsehen ist in der Region Nürnberg im Vergleich zu anderen Großstädten jedoch eher bescheiden. Zwar bemüht sich das Studio Franken in der Wallensteinstraße redlich, rotweiße Akzente in der weißblauen Landschaft des bayerischen Staatsrundfunks zu setzen, doch da haben es die beiden fränkischen Privat-TV-Stationen und 15 Privatradios schon leichter, neben viel Werbung weitgehend Unbedeutendes aus Nürnberg und dem Rest der fränkischen Provinz in den Äther respektive das Kabel zu schicken.

Dieses ist zwar noch aus Kupfer und damit Technologie von gestern, aber immerhin hat sich in Nürnberg die Denkfabrik angesiedelt, die aus dem Kupferverkabelungsirrweg des einstigen Staatskonzerns Bundespost herausführen kann. In den Bell Labs, dem Forschungszentrum von Lucent Technologies, sind rund 800 Forscher(innen) damit beschäftigt, hochleistungsfähige digitale Übertragungssysteme für die Kommunikation über Funk und Glasfaser zu entwickeln. Die wollen es schaffen,dassder Inhalt von 90 000 dicken Büchern in einer Sekunde durchs Netz rast. Kein Mensch will so viele Bücher oder das, was Bedeutsames drinsteht, in einer Sekunde nach Australien oder von Gostenhof nach Steinbühl katapultieren. Doch allein in Nürnberg gib es ein paar Großanwender für effektive Datenschleudern. So die Datev, die von den Steuerberatern dieser Nation mit Zahlen von Großkonzernen und Ein-Mann/Frau-Betrieben zugeschaufelt werden. Oder die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), deren 1200 Mitarbeitende unendlich viele Bits and Bytes brauchen, um herauszukriegen, ob die Triviality Show im 18. Fernsehkanal und die neue Weißblend-Zahncreme im Supermarkt ein Publikumsrenner oder ein Flop sind. Und natürlich haben die Gfkler penibel ermittelt,dasssich die Benutzer von sogenannten Online-Medien innerhalb kürzester Zeit vervielfachen. Natürlich wissen sie auch die genauen Zahlen; aber bis dieses Buch gedruckt ist und in einem neuen Jahrtausend hoffentlich immer noch gelesen wird, sind das alte Hüte. Bald ist alle Welt vernetzt, und der E-Commerce blüht.

Darum braucht auch die Quelle in Fürth, hart an der Nürnberger Stadtgrenze, die schnelleren Datentechnologien, damit der ganze dicke Katalog nur so durchs Netz auf den Bildschirm flutscht und die Kunden auf den Fidschi-Inseln blitzschnell erfahren, ob die Gartenzwerge im Sonderangebot auch wirklich verfügbar sind. Der Fortschritt ist keine Schnecke mehr, sondern kommt mit Lichtgeschwindigkeit online daher. Und Nürnberg – so verkündet die Industrie- und Handelskammer mit Recht und Stolz – setzt den Schwerpunkt seiner technologischen Kompetenz bei der Informations- und Kommunikationstechnologie (IuK). Endlich ist das Geheimnis der Abkürzung in der Überschrift dieses Beitrags gelüftet.

Und Kompetenz braucht neben Fachbegriffen – englischen ausschließlich – Abkürzungen, damit die Kompetenten mit ihrem Herrschaftswissen kompetent erscheinen und die anderen, die mit IuK nicht umgehen können, dumm bleiben. Es ist sonnenklar: Wer mit der bereits hinlänglich erklärten DWDM-Übertragungstechnologie aus den Nürnberger Labs nicht im Bereich Broadcasting (DAB, DVB) und On-Demand-Dienste (Video-On-Demand, Information-On-Demand, Homeshopping bzw. E-Commerce und Telebanking) umgehen kann, ist ein Outlaw des Kommunikationszeitalters.

Übrigens gibt's inzwischen auch Books-On-Demand. Das heißt entweder: Jeder druckt sich sein eigenes Buch, das kein anderer lesen will, am heimischen Computerdrucker selbst – oder: Jedes Buch, das irgendwer irgendwo lesen will, saust über die Datenautobahn vom Verlag in Irgendwo in einen besseren Kopierer in Irgendwoganzanders auf dem Erdkreis; dieser spuckt die Seiten aus und pappt gleich noch einen Umschlag herum. Dazu braucht man keine Buchhandlung mehr, das Buch auf Abruf kann auch in der Kaffeerösterfiliale für neue Diversifikation sorgen. Bleibt jedoch das Problem der Entsorgung des gelesenen Schmökers. Im Zuge steigenden Umweltbewußtseins und mit Hilfe der neuen Technik läßt sich jedoch der anhaltende Trend zum Zweitbuch zurückentwickeln. Jeder Haushalt hat nur ein Buch, oder besser gesagt, so eine Art elektronisches Permanent-Paperback, in den man online den neuesten Bestseller einliest, ihn dann ausliest – und der nächste kommt dran. Alles schon machbar, nur die Verleger sind noch zögerlich, weil sie sich nicht sicher sind, ob sie über E-Cash auch zu ihrem Geld kommen. Darum ist auch das vorliegende Buch noch ein ganz normales. Aber immerhin vagabundiert dieser tiefschürfende Beitrag durch das Netz der Netze zwischen Tasmanien und Grönland. Unter www.wek.de läßt er sich mit minimalen Surfkenntnissen finden, auf den heimischen Computer laden und kostenlos ausdrucken, falls man das Buch nur geliehen hat.

Nicht um das Dunkel der multimedialen Unwissenheit der breiten Massen zu erleuchten, sondern damit die IuK-Branche ihre Leute nicht aus der halben Welt zusammenkaufen muß – und es zu einer in Bayern unerwünschten Überfremdung mit Wissensträgern von außerhalb kommt –, gibt's im Nürnberger Raum eine Fülle von supergescheiten Aus-, Fort- und Weiterbildungseinrichtungen. Auch wenn sie unvollständig bleiben mag, sei eine Aufzählung gewagt: Neben der betagten, aber putzmunteren Schule für Rundfunktechnik steht die Grundig-Akademie und die Multimedia-Akademie. Zu nennen sind das Fraunhofer-Institut für integrierte Schaltungen, die Technische Fakultät der Universität Erlangen Nürnberg mit ihren Instituten für Nachrichten und Elektrotechnik, die Wirtschafts und Sozialwissenschaftliche Fakultät (WiSo) der Universität mit der Ausbildungsrichtung Wirtschaftsinformatik, die Fachhochschule Nürnberg mit den Fachbereichen Nachrichten und Feinwerktechnik sowie die Fachhochschule Ansbach mit den beiden berufsbegleitenden Ergänzungsstudiengängen „lnformation und Multimedia“ und „Fachkommunikation Technik“. Im fränkischen Raum hat sich darüber hinaus ein Schwerpunkt im Bereich der Wirtschaftsinformatik entwickelt. Und selbst das Bayerische Forschungszentrum für Wissensbasierte Systeme (Forwiss) hat seinen Sitz in der Region.

Ein kluger Nürnberger Medienmensch aus den Zeiten des Dampfradios hat die Franken als die Elite Bayerns bezeichnet. Die in der Region Nürnberg wohnenden, lernenden und arbeitenden Menschen mit IuK-Kompetenz dürfen sich so fühlen. Was heißt schnell wieder IuK? Noch einmal: Informations- und Komunikationstechnologie ist das Zauberwortpaar der Zukunft am Multimedia-Marktplatz Franken. 

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